Wie schreibt man ein gelungenes Sachbuch-Exposé?
Ein Interview mit dem Literaturagenten Klaus Gröner

 

Auch in Zeiten von Google & Co boomt der Markt für unterhaltsame Sachbücher. Während es zum Thema Romanexposés jede Menge Literatur gibt, ist beim Thema Infotainment erst mal Recherche angesagt. Klaus Gröner von der Literaturagentur Erzählperspektive hat uns verraten, wann ein Sachbuchprojekt den Fuß in der Agenturtür hat:

 

>> Im Gegensatz zu den Anforderungen für Romanmanuskripte wünscht Ihr bei Sachbuchprojekten die Einreichung eines detaillierten Inhaltsverzeichnisses. Warum?

„Im Gegensatz zu“ trifft es nicht ganz, das Inhaltsverzeichnis ist ja nichts anderes als das Sachbuchpendant zur Inhaltsangabe beim Roman, beide bilden quasi das Skelett des Buchs. Und beide sollen zunächst einmal etwas detaillierter die Frage beantworten, worum es in dem Buch überhaupt geht.

 

>> Und was muss man aus diesem Inhaltsverzeichnis herauslesen können? Bzw. wie sollte es aussehen und strukturiert sein? Inwieweit verrät Euch das Inhaltsverzeichnis, ob der Autor es „draufhat“

Herauslesen: Zunächst wie gesagt das behandelte Thema, dann wie es angegangen wird, welche Aspekte dem Autor wichtiger und welche weniger wichtig sind, ggf. welche Position er bezieht, solche Sachen halt.

Aussehen/Struktur: Wir machen ja keine wissenschaftlichen Werke, die bis in Gliederungsebene 3.4.2.7.2 strukturiert sind, sondern v. a. erzählende Sachbücher. Da sollte das oben Genannte erkennbar sein, das kann aber durchaus auch in der Form von zehn Kapitelüberschriften plus jeweils zwei bis drei Sätzen zum Inhalt des jeweiligen Kapitels präsentiert werden. Das kommt dann der Inhaltsangabe beim Roman schon wieder recht nahe.

Draufhaben: Wenn das Ganze ein rundes und interessantes Bild ergibt, der Autor nicht die drei wichtigsten Aspekte vergessen hat oder sich auf der anderen Seite nicht heillos verzettelt, dann freuen wir uns natürlich. Aber selbst „Mängel“ (aus unserer Sicht) müssen kein Problem sein, wenn der Autor eine gewisse Beratungsoffenheit mitbringt.

 

>> Wie wichtig ist das „Expertentum“ eines Autors? Was zählt? Eigene Erfahrung? Fachliche Qualifikation? Gebt Ihr jemandem eine Chance, wenn das Thema spannend ist, der Autor aber so wenig Ahnung hat, dass er erst noch viel recherchieren müsste?

Das hängt natürlich von der Ausrichtung des Projekts ab, wir illustrieren das mal anhand von Beispielen aus unserer Agentur. Bei einem fachlich orientierten Gesundheitsratgeber wie „Das NAET-Programm“ hat es natürlich nicht geschadet, dass die Autorin Dr. Andrea Schröpel ihr Handwerk bei der Therapiebegründerin persönlich erlernt hat und zusätzlich dem europaweiten NAET-Netzwerk vorstand. Dass unser Spiegel-Bestsellerautor Ulrich Knoll über jahrzehntelange Erfahrung als Schulleiter verfügt, gibt seinen Büchern die nötige Credibility. Und dass er sich dabei einen satirischen Blick auf die Schule bewahrt hat, bringt ihm zwar unter Ex-Kollegen nicht nur Freunde ein, gefällt uns – und offenbar auch den Lesern – aber besonders gut. Und wenn eine Daniela Nagel eine Familie mit fünf Kindern und eine erfolgreiche Karriere als Romanautorin bei blanvalet unter einen Hut bringt, prädestiniert sie das ja förmlich für einen „Survivalguide für gelassene Mehrfachmütter“ J

Zur anderen Frage: Wenig Ahnung ist natürlich keine gute Voraussetzung, aber wenn der Autor gut in der Recherche ist und auch richtig Lust darauf hat, kann man es sich bei einem guten Thema schon mal anschauen.

 

>> Und was macht Ihr, wenn jemand ein tolles Thema einreicht, aber nicht besonders gut schreiben kann? Einen Coautor ans Herz legen? Werden nicht sowieso ganz viele Sachbücher, gerade im biografischen Bereich mit Coautoren oder Ghostwritern verfasst?

Natürlich ist es uns lieber, wenn thematische Expertise und Schreibtalent Hand in Hand gehen, einerseits, weil das Projektmanagement mit Coautor/Ghostwriter natürlich komplizierter wird, andererseits, weil ein externer Partner auch das Honorar schmälert. Wenn uns ein Thema am Herzen liegt, der Experte aber kein geborener Autor ist, suchen wir schon auch nach einem geeigneten Partner, und kleinere Bugs beseitigen wir auch mal so, das gehört zum Job.

 

>> Das erste Romanmanuskript sollte in der Regel vor der ersten Bewerbung fertig sein. Ich habe mal gelesen, dass das beim Sachbuch nicht erwünscht ist, da der Verlag dort viel mehr steuern möchte. Stimmt das?

Nicht erwünscht ist vielleicht übertrieben, da man ja einerseits notfalls auch ein vorhandenes Manuskript noch entsprechend adaptieren kann und da es andererseits auch vorkommt, dass Autoren aus welchem Grund auch immer ein angefangenes Projekt später nicht beenden oder die Anfangsqualität nicht halten können. Aber tatsächlich werden Sachbuchprojekte in der Regel auf der Basis eines aussagekräftigen und überzeugenden Exposés und einer gut gearbeiteten Leseprobe verkauft (bzw. aus Verlagssicht eingekauft).

 

>> In welchem Bereich ist der Einstieg und die Behauptung auf dem Buchmarkt einfacher? Sachbuch oder Belletristik?

Für Sachbuchautoren auf dem Sachbuchmarkt und für Belletristikautoren auf dem Belletristikmarkt. Jeder sollte das schreiben, was er kann und wonach ihm ist, nicht das, was vermeintlich einfacher ist. Was natürlich schon stimmt: Sachbuchprojekte können vorab viel passgenauer konfiguriert werden, das erleichtert uns als Agentur die Platzierung. Andererseits muss der Autor aber einen relativ unbestechlichen Kriterienkatalog erfüllen, während man in der Belletristik (einen guten Text vorausgesetzt) etwas mehr Handlungsfreiheit hat.

 

>> Welche Eigenschaften muss ein Sachbuchexposé haben, damit Ihr Euch dafür begeistern könnt?

Das Komplettpaket muss stimmen: ein sympathischer, kompetenter, im Idealfall gut vernetzter Autor, ein packendes, witziges und/oder originelles Thema, eine interessante und unterhaltsame Aufbereitung und ein bisschen Text, den man gerne liest. Wenn das Exposé schlecht, aber das Potenzial des Projekts erkennbar ist, macht das auch nichts, wir schneiden das Exposé dann ohnehin noch auf die Verlagserfordernisse zu.

 

>> Bei welchen Mängeln landet es direkt auf dem Absagestapel?

Die Mängel beginnen leider oft schon beim Anschreiben. Wenn man in einem offenen Massenverteiler mit dreißig Agenturen steckt, die mit einem freudigen „Hallo, ich habe ein Buch geschrieben“ begrüßt werden, oder wenn noch die Anrede des Herrn ABC von der Agentur XYZ von der davor verschickten Mail drin steht, freut man sich nicht so. Projektbezogen können Themen, die schon zu oft da waren oder für die es nur eine kleine Zielgruppe gibt, Ausschlusskriterien sein. Und wenn uns ganz subjektiv ein Thema nicht interessiert, das sogar Marktpotenzial hätte, gönnen wir uns schon auch mal den Luxus, das Projekt ziehen zu lassen.

 

>> Was ist mit dem Thema Zeitgeist und Aktualität? Läuft man nicht ständig Gefahr hinterherzuhinken mit dem zehnten Buch zu einem viel diskutierten Thema? Oder stört es gar nicht, wenn in den großen Buchhandlungen fünfzig Bücher zum selben Thema stehen?

Das spielt bei uns eher weniger eine Rolle, Me-too-Bücher suchen wir jetzt nicht unbedingt auf Teufel komm raus. Im Idealfall ist ein Thema entweder zeitlos oder es antizipiert tatsächlich einen Trend, der in zwölf bis achtzehn Monaten die Leute beschäftigen könnte. Und so oder so muss ein Buch natürlich ganz eigene Akzente setzen, die es von etwaiger Konkurrenz abhebt. Und wir bekommen ja nicht nur Projekte angeboten, sondern sprechen auch selbst potenzielle Autoren an, von denen wir meinen, dass sie etwas Interessantes zu erzählen hätten. Da achten wir natürlich gleich von vornherein darauf, dass es etwas Neues oder ganz Eigenes ist, was da erzählt wird. Fünfzig Bücher zum gleichen Thema kennen wir eigentlich gar nicht. Na ja, Grüner Tee vielleicht. Aber da suchen wir wirklich nicht händeringend nach dem einundfünfzigsten.

 

>> Hätte ein Buch wie „Darm mit Charme“ eine Chance bei Euch gehabt? (Wäre ich Agentin, hätte ich wohl gedacht, Zielgruppe theoretisch riesig, weil jeder einen hat, praktisch interessiert es aber keinen.)

Dürfen wir lügen? Also, natürlich hätten wir das Buch auch gemacht, das Megasellerpotenzial sticht ja förmlich sofort ins Auge. Ach so, nicht lügen? Hm, tja, also – uns wäre es dann wohl eher wie Dir gegangen. (Wobei in dem Fall ja die Agentin die Autorin auf einem Science Slam entdeckt und das Buchprojekt selbst erst angestoßen hat. Diesen Weitblick kann man nur bewundern.) Wir hätten auch nicht unbedingt erwartet, dass in den 2010er-Jahren ein Bud Spencer monatelang die Spiegel-Bestsellerliste dominiert. Die Liste subjektiver Fehleinschätzungen ließe sich noch ein bisschen fortsetzen, aber wenigstens fällt einem (aus der Belletristik) die nette und tröstliche Anekdote von einem französischen Verleger ein, der Dan Browns Da Vinci Code ablehnte, schließlich wolle ja kein Franzose etwas lesen, was in Paris spielt und von einem Amerikaner geschrieben wurde …

 

>> Gibt es etwas, das Ihr künftigen Sachbuchautoren dringend ans Herz legen würdet?

Ein Thema suchen, das man kompetent und authentisch darstellen kann. Dann den Markt sondieren, die wichtigsten Titel lesen und sich gründlich überlegen, ob und wenn ja was man selbst dazu noch beitragen kann. Das alles auf zwei, drei Seiten aussagekräftig umreißen und eine Agentur suchen. Aber vor allem: dranbleiben.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

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Es war die perfekte Grundlage für den Artikel in dem Autorenmagazin Federwelt.

 

Den ganzen Federweltartikel zum Thema Sachbuchexposé und ein Beispiellektorat von mir hat Sandra Uschtrin freundlicherweise als PDF zur Verfügung gestellt: